Ich betreibe die Malerei quasi analog zum Schreiben von Musik. An die Stelle der klingenden Töne treten die Farbtöne. Dem Rhythmus entspricht die Formgestaltung. Wenn ich eine Form in eine Bildfläche eintrage, zergliedere ich diese – ähnlich wie der Rhythmus die Zeit aufteilt. Die Präsentation von Farbakkorden eröffnet mir unendlich viele Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten. Gelegentlich setze ich Unfarben ( Schwarz/ Weiß ) ein, die eine vergleichbare Funktion wie in einem Musikstück die Pausen erfüllen. Eine Form ist von vorn herein immer schon gegeben: das Rechteck des Formats. Für die Erzeugung einer Farbakkordik ist der Auftrag mindestens einer zweiten Farbe, die sich von der Farbe des Bildgrunds abhebt, erforderlich. Die gegenüber dem Format autonomste Form ist der Kreis. Figur und Grund stehen sich in dieser Urkonstellation unvermittelt gegenüber. Durch Formen-teilung, -modifikation und -variation kann ich die Bildfläche differenzieren und rhythmisieren, so dass ihre Struktur zum gewählten Farbakkord passt und eine Charakteristik ausbildet, z.B. eine statisch-ruhige, eine lebendige, eine weich-fließende oder eine stakkatoartige. Beim Betrachten der Bilder ergeben sich visuelle Prozesse, die dem Verfolgen eines Musikstücks ähneln und Elemente enthalten wie z.B. Exposition, Durchführung, Reprise, Melodie, Begleitung, Variation, Fuge.
Wolfram Schnebel